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Rezension: Jeremy Rifkin und die Energieversorgung einer Smart City

Jetzt haben es wohl auch schon die Endkunden bemerkt: der Energiemarkt spielt verrückt. Krisen in den wichtigen Förder- und Transitländern für die fossile Energie, ein geplanter Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie, ein unsicheres Konzept für die Grazer Fernwärme und nicht abgeholte Förderungen für Alternativenergie. Eigentlich sollten die Preise steigen, aber Sprit und Strom werden billiger.

Und jetzt hat es wohl schon jede bemerkt: das Klima spielt verrückt, und das nicht nur bei uns. Was hat das mit Jeremy Rifkin zu tun?

Rifkin - Regierungsberater, Zukunftsvisionär und Bestsellerautor, kurz: "einer der 150 einflussreichsten Intellektuellen der Welt" - beschreibt in seinem Buch Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft eine neue Wirtschaftsform mit sinkenden Produktionskosten, dem INTERNET der Dinge und einer Shared Economy. Er schreibt über seine „zero marginal cost society“ nicht, dass die Kosten NULL werden, sondern die Grenzkosten. Wir sehen das an vielen Beispielen:

• Wer die endsprechenden Endgeräte und einen INTERNET Anschluss hat telefoniert weltweit – z.B. mit SKYPE - mit Null-Grenzkosten, d.h. jedes weitere Gespräch kostet (fast oder gar-) nichts

• Wer eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr hat, für den ist jede Benutzung der Verkehrsmittel zu Null-(Grenz)kosten; ist das Ticket amortisiert, kostet jede weitere Fahrt quasi nichts mehr

• Wer einen entsprechenden Vertrag mit der Telefongesellschaft hat, telefoniert und SMSt zu Null-(Grenz)kosten

• Wer bei NETFLIX oder ähnlichen Firmen Abonnent ist, sieht jeden Film zu Null-(Grenz)kosten

• ...

Aber irgendwie zahlen wir doch dafür. Mit unseren persönlichen Daten?

Was hat das mit der Energie zu tun? Hier verhält es sich ähnlich:

• Wer ein Nullenergiehaus hat, heizt zu Null-(Grenz)kosten

• Wer eine Photovoltaikanlage am Dach hat, bezieht den Strom zu Null-(Grenz)kosten

• Wer sich LED Lampen leistet, hat jahrelang Licht zu marginalen Kosten

• …

Die Kostenstruktur verlagert sich zunehmend auf einmalig anfallende Erst- oder Investitionskosten; zum Sparen braucht man also zuerst einmal viel Geld. Dem gegenüber stehen die heutigen Geschäftsmodelle der Energieversorger: Kunden mit geringen – oftmals nicht einmal kostendeckenden – Anschlusskosten gewinnen und später Profite über die verkauften (Energie-)Mengen erzielen. Dieser Ansatz steht zunehmend in Diskussion, sobald jedermann eine hohe Versorgungssicherheit bzw. Anschlussleistung bei geringen Abnahmemengen will. Nicht die bezogene Energiemenge sondern die garantierte Leistung wird der Kostenfaktor werden. Wer auf diese Garantie verzichtet und in der Abnahme flexibel ist wird als Kunde gewinnen. Wer in der Lage ist Versorgungsbereitschaft und Leistungsangebote zu verkaufen und nicht Stückzahlen und Mengen wird als Unternehmen verdienen.

Dies wird aber spätestens dann schwierig, wenn viel Kapital in den Versorgungssystemen gebunden ist.

Rifkin schreibt dazu: „… In reifen Industrien jedoch, in denen es eine Handvoll Unternehmen geschafft haben, einen Großteil des Marktes an sich zu reißen und ihm ein Monopol beziehungsweise ein Oligopol aufzuzwingen, hätten diese ein erhebliches Interesse daran, den wirtschaftlichen Fortschritt zu hemmen, um den Wert des Kapitals zu schützen, das noch in veralteter Technologie investiert ist. … Führende Unternehmen mit entsprechender Macht unterbinden nicht selten den Marktzugang neuer Unternehmen und die Einführung von Innovationen in Ihrer Branche. … Versuche den wirtschaftlichen Fortschritt zu hemmen, sind unweigerlich zum Scheitern verurteilt, da am Rande des Systems ständig neue Unternehmer lauern, die Augen offen für Innovationen, die die Produktivität erhöhen und die Kosten reduzieren, was es ihnen erlaubt zu niedrigeren Preisen als denen der Konkurrenz auf Konsumentenzwang zu gehen."

Gleichzeitig beobachten wir einen anderen Trend: Shared Economy, Nutzen statt Besitzen; nur mehr für das zahlen, was man nutzt. Minimalen Erstkosten stehen kostendeckende Grenzkosten gegenüber. Eine günstige Mitgliedschaft beim Car-Sharing Club, aber dann nur mehr für die echt gefahrenen Kilometer bezahlen, eine kleine Wohnung und für Gäste ein Zimmer dazu mieten, Heimwerkzeuge leihen statt kaufen.

Welcher dieser Ansätze ist ressourceneffizienter, welcher sozialer, welcher wird sich durchsetzen? Beide? Aber bei welchen Bedürfnisdeckungen?

Was meinen Sie dazu? Das interessiert Hans Schnitzer unter hans.schnitzer[at]stadtlaborgraz.at